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Die Kniescheibe: Kleiner Knochen – große Wirkung

Das Kniegelenk ist das größte Gelenk des menschlichen Körpers. Ein reibungsloses Zusammenspiel von Oberschenkelknochen, Schienbein und Kniescheibe ist für die Fortbewegung des Menschen von immenser Bedeutung. Dabei übernimmt die Kniescheibe (Patella) die wesentliche biomechanische Funktion bei der Kraftübertragung vom Oberschenkel auf den Unterschenkel. Gleichzeitig wird sie durch divergierende Kräfte des vierköpfigen Oberschenkelmuskels (Musculus quadrizeps) zentralisiert und zusätzlich durch aktive (Muskulatur) und statische Stabilisatoren (knöcherne Patellagleitlager, Oberschenkel-/Unterschenkelknochen, Bänder) in ihrer Position geführt.

Aufgrund der Hebelgesetze wirken enorme Kräfte auf das Kniegelenk. Dies führt vor allem bei Sportlern häufig zu Beschwerden wie Sehnenansatzreizungen (sog. jumpers knee, Patellaspitzensyndrom), Schleimbeutelentzündungen, Läsionen im Knie (Meniskus, Knorpel, Plicasyndrom) und Bandverletzungen. Demographisch ist der vordere Knieschmerz das häufigste Knieproblem der jungen Bevölkerungsgruppe. Er betrifft etwa 10-30% der 12- bis 19-Jährigen.

Eine Patella-Instabilität kann beispielsweise durch Fehlbildungen der Kniescheibe, bei der diese eine asymmetrische Form aufweist (Patelladysplasie, siehe Bild), eine Schlaffheit der Bänder (generalisierte Bandlaxität), Patella-Hoch- oder Tiefstand, nach Operationen oder durch Achsfehlstellungen auftreten.

Patella-Dysplasie nach Wiberg

TYP 1                                                     TYP 2                                                   TYP 3

Bedingt durch die hohe Dichte an Schmerzrezeptoren in den Sehnen, Schleimhäuten und der Kapsel werden die Beschwerden entsprechend stark, häufig auch langfristig wahrgenommen. Der Knorpel hingegen ist frei von Rezeptoren und kann somit auch keine Schmerzqualität weitergeben.

Die Erhebung einer ausführlichen Anamnese bei der Vorstellung der Patienten in meiner Sprechstunde ist besonders wichtig. Im Fokus stehen dann Fragen nach dem „seit wann und wie oft“ die Beschwerden auftreten, beim oder nach dem Sport, im oder nach dem Training, bei welchem Bodenbelag/Untergrund, mit welchen Schuhen, beim Treppenlaufen, in die Hocke gehen usw.

Ebenso findet eine körperliche Untersuchung des gesunden und erkrankten Knies im Seitenvergleich statt. Dabei wird der Status der Kniegelenke und der Muskulatur, die Bandführung, das Gleiten der Kniescheibe sowie die Achsverhältnisse und Beinachsen überprüft.

Die häufig folgende Röntgen-Bildgebung in 3 Ebenen zeigt im axialen Strahlengang u.a. die verschiedenen Patellaformen, mögliche Fehlbildungen im Kniescheiben-Oberschenkelgelenk, die für die Instabilität der Kniescheibe verantwortlich sein können. Ein anschließend durchgeführtes MRT (Kernspin) ermöglicht zudem die Beurteilung des Knorpels, der Bänder, Weichteile und der Knochenmatrix.

Therapieprinzipien:

In der Akutphase oder bei entsprechend stark auftretenden Beschwerden wird – wie immer – das PECH-Schema angewendet (Pause, Eis, Kompression, Hochlagerung).

Die häufig durchgeführte konservative Therapie erfolgt zunächst mit einer medikamentösen Therapie, Elektrostimulation/Ultraschall (physikalische Therapie), Muskelaufbau, Stretching und ggf. einem Tape/Kinesiotape. Je nach Beschwerden, Häufigkeit oder bei chronischen Verläufen wird das Rehabilitationsprogramm dann in mehrere Phasen eingeteilt.

Phase 1: Ggf. anfängliche funktionelle Ruhigstellung, Schmerzkontrolle mit NSAR (z.B. Voltaren) Eistherapie, Taping, Ultraschall/Elektrotherapie.

Phase 2: Stretching der knieumgreifenden Muskulatur, Koordinations- und Beinachsentraining, Elektrostimulation und Muskelaufbau in der geschlossenen kinematischen Kette. Letzteres bedeutet, dass mit Hilfe von Stepper, Ergometer und Beinpresse nicht nur der verletzte Teil des Knies versorgt, sondern immer auch der gesamte Bewegungsapparat in den Heilungsprozess einbezogen wird.

Phase 3: Sportartspezifisches Training mit speziellen sportspezifischem Krafttraining und Bandagen.

Häufig gestaltet sich die Therapie langwierig. Bei entsprechender Geduld und Trainingsbereitschaft verläuft sie jedoch meist erfolgreich.

Die operative Therapie empfehle ich nur bei intraartikulären Schäden/Verletzungen (z.B. bei einem freien Gelenkkörper innerhalb des Gelenkes), Instabilitäten der Kniescheibe mit Kapsel-Bandverletzungen (z.B. bei Kreuzbandläsionen) oder bei Korrekturen der Beinachse.

Ich hoffe auf eine verletzungsfreie und erfolgreiche Saison unserer Sportlerinnen und Sportler!

Dr. Harald Hake

Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie
Klinikum Frankfurt Höchst